Bei den Evangelen gibt es keine Heiligen

So glaubt man.
Aber wir haben sie doch, so schien es heute, als sich gegen neun Uhr morgens drei meterlange Reihen quer durch das Passagensystem der Stadt bildeten. Nach dem Durchschnittsalter der Wartenden hätte man denken können, es gäbe Heizdecken zu verschenken oder Rollatoren vielleicht, aber nein, Ziel aller ist das geschlossene Kirchenportal hinter dem Sie sich vorbereitet.
Da warten sie, die Christenmenschen andächtig und nächstenliebend, bis sich plötzlich Freunde zum Liebsten gesellen – ungefähr zehn Plätze vor dem Ende der Schlange stehen wir zu diesem Zeitpunkt – und schon wird sie ietzsch die Omma hinter uns und droht mit dem Stock.
Aber es wird noch besser, als schließlich kurz vor zehn die Tore geöffnet werden, da wird geschubst, beschimpft, gedrängelt, gerissen was das Zeug hält, denn ein jeder will SIE von einem möglichst gutem Sitzplatz aus sehen!
Irgendwann geht es los, die Kirche ist voller als an Weihnachten, es gibt Applaus, als Margot begrüßt wird, der Unichor singt und die Luft knistert, so gespannt sind alle, SIE reden zu hören.
Und wie SIE das tut. Ganz schön kurz wars, wird manch einer vielleicht sagen, aber dafür richtig gut: knapp, prägnant, verständlich.
Nach der Predigt folgt dann fast so etwas wie die Speisung der 5000, okay, es ist nur ein Abendmahl der 2000, aber immerhin. Wanderkommunion praktiziert man bei so einem Menschenauflauf, das heißt die Gemeinde kommt durch den Mittelgang des Kirchenschiffes nach vorn, erhält erst eine Hostie und einen Schritt weiter ein Schlückchen Wein.
Dieses ganze Prozedere dauert achtunddreißig Minuten bei so vielen Menschen und manch einer kann es jetzt nicht mehr aushalten, er möchte seinem Idol ganz nahe sein: Und schon hat man sein eigenes „Engagiert Evangelisch“ in der Hand und weil Reformation Freiheit bedeutet, wie das heute in der Predigt gelehrt wurde, ist man einfach mal so frei, macht sich auf zu IHR und lässt es signieren, schließlich muss sowieso noch  gewartet werden bis ein jeder das Abendmahl erhalten hat.
Als das beendet ist, haben sich auch die Reihen erheblich gelichtet, nun muss keiner mehr stehen, der Gottesdienst neigt sich dem Ende zu, SIE stellt uns unter den Irischen Segenswunsch und schon ist es vorbei.

 

Und um ehrlich zu sein: Trotz aller Fanatiker, Schubser und Warterei hat sich dieser Gottesdienst wirklich gelohnt, und auch ich muss zugeben, dass ich mich ein ums andere Mal über die Empore lehnte um zuzusehen, wie SIE den Trubel regiert.
Danke fürs Kommen, Frau Käßmann.

Lucky me!

Ich habe mir gestern ein Brautkleid gekauft, einfach so.
Ja, wir haben vor nächstes Jahr zu heiraten, aber nein verlobt sind wir noch nicht.
Und das kam so:
Vorgestern suchte ich auf ebay Kleinanzeigen nach einem schicken und bezahlbaren Kleid für den Winter, als plötzlich die Anzeige: Hochzeitskleid zu verschenken!! hinzukam, just in dem Moment, wo ich online war!
Also wurde sogleich angerufen, es war noch zu haben aber ich war schon die Fünfte Anruferin.
Gestern trudelten dann bei der netten Dame, die unbedingt ihr tolles Kleid loswerden wollte neben mir noch zwei weitere Frauen ein, und entblößten sich.
Der Dreijährige Sohn der Verkäuferin fand das gar nicht witzig:
“ Mama, wieso ziehen die sich in unserer Wohnung aus?“
Reihum wurde anprobiert und taterata: mir passte es am Besten!
Eine andere Frau bot allerdings 250 € für das Kleid, so viel hatte ich nicht dabei.
Und was sagt die nette Verkäuferin da?
„Du siehst aus, als würdest du das Kleid wirklich anziehen und nicht verkaufen wollen, deshalb sollst du es haben!“
Ich packte also mein Kleid, inklusive Unterrock und Stola zusammen.
Und die beiden anderen zogen neidisch von dannen.
BÄM!

This Weekend

Der Schwiegervater feierte am Sonntag Geburtstag, also hieß es für uns:
auf nach Berlin um halb acht Uhr morgens
pünktlich zum Gottesidenst erscheinen und dem Herrn Pfarrer lauschen (welcher in diesem Falle der Vater des Liebsten ist)
dann ein zünftiges Mittagsmahl einnehmen
und schließlich Kuchen schmausen.

Einen davon habe ich ürbrigens vorbereitet. Am Samstag. Fünf Stunden standen das Trubelmädchen und ich in der Küche.
Gemacht haben wir zwei Kuchen, zehn Gläser beste Bananen-Kiwi Marmelade und Peppermint creams, eine Leckerei aus dem Kochbuch das meine Gastkinder mir von ihrem schwer verdienten Taschengeld gekauft haben.

(Falls die jemand nachmachen wollen sollte, dann macht euch auf eine Jagd gefasst, jene nach der peppermint essence, die gibts in good old Germany nämlich nirgends zu käuflich  zu erwerben.)

Auf dem Rückweg von den Schwiegereltern musste dann der Schlafdefizit aufgeholt werden.
Aber nach einer Stunde wurde ich aufgeweckt, von des Liebsten Stimme und dachte so bei mir:
wie froh ich doch bin, ihn zu haben

Uni UNI Uni

Das Semester hat wieder begonnen und mit ihm die guten Vorsätze:
1. dieses Mal werde ich JEDE Veranstaltung besuchen
2. dieses Mal bereite ich mich auf meine Veranstaltungen vor
3. dieses Mal werde ich Altgriechisch lernen

Die ersten drei Tage des Semesters sind um.
Gestern habe ich bereits die erste Veranstaltung geschwänzt, war aber wirklich NICHT meine Schuld, Allison Ruß brauchte Babyentlastung und Zuhörung, was soll man machen?
Und dass ich heute beschlossen habe, beim Sozialisations-Seminar eher selten anwesend zu sein, liegt auch nicht in meiner Verantwortung, aber was soll ich denn von einem Seminar erwarten, wo 90 Minuten lang Klassenregeln a la „Wir hören einander zu“ „Wir wollen alle pünktlich sein“ „Wir machen unsere Handy aus“ aufgestellt werden für einen besseren Umgang unter den Studenten im 5. Semester!

Aber einen Vorsatz halte ich schon: margarete_audrey macht jetzt Sport. Eigentlich sollte es Pilates werden, weils doch mit meiner Gastmama immer so viel Spaß gemacht hat, aber diesen Kurs bekam ich leider nicht, so dass ich mich jetzt an Step – Aerobic versuchen werde. Voller Tatendrang machte ich mich also auf den Weg mit neu erworbener Sporthose zum sagenumwobenen und absichtlich gemiedenen Sportcampus, far far away.
Völlig abgehetzt und kurz vor knapp komme ich irgendwann dort an. Dieser Campus ist  groß, SEHR groß. Und besteht eigentlich nur aus einem langen Gang von dem hunderte, ach was sage ich tausende Sporthallen abzweigen. Turnhallen, Gymnastikhallen, Schwimmhallen, Balletthallen, Krafttraininghallen, Judohallen…
Eine Step – Aerobichalle gibts aber nicht, denn das findet in der Boxhalle statt.(!?)
Ich hechte also den Gang entlang, man will schließlich beim ersten Mal pünktlich sein, spähe in die Hallen und sehe alles mögliche (zum Beispiel ein mit Schaumstoffwürfeln gefülltes Becken, wohinein man von Trampolinen aus sichtlich erfreut springt) nur keinen Boxring. Die Zeit wird knapp, ich beginne mich durchzufragen, ernte einen verächtlich/verwunderten Blick nach dem anderen („WAS, B O X H A L L E? DU?“)
Aber wo sich das Ding befindet, kann mir auch keiner sagen.
Irgendwann finde ich die Halle,als ich am Ende des langen Gangs ankomme und eine Treppe nach oben steige. Es ist ein Aufbau auf dem Dach!
Ich bin mitlerweile übrigens fünfzehn Minuten zu spät, drücke die Klinke und: zu.
Zufällig kommt gerade eine nette Reinigungkraft vorbei und erzählt mir, dass der Boxraum erst mit dem Semesterstart wieder geöffnet wird. An meinen Fakultäten fand der schon statt, die Sportler fangen allerdings erst eine Woche später an…
Aber durch die ganze Sucherei hatte ich sowieso schon so viele Kalorien verbrannt, wie in 1,5 Stunden Auf – und Absteigen.

Übrigens wurden Punkt zwei und drei meiner Vorsätze soeben auch gebrochen, denn nun setze ich mich wohl nicht mehr hin, um noch einen Text zu übersetzen und damit mein Seminar morgen vorzubereiten…Altgriechisch lerne ich so aber garantiert auch nicht.
Life sucks 😀